1.3. - 29.3.2020 · ZEICHENSPUREN

Zeichenspuren 1 klSimone Rosenow · Jan Douma
Malerei · Zeichnung · Grafik · Skulptur
Kulturmühle Rechberghausen



Wegen dem Corona-Virus mußte die Ausstellung leider schon nach kurzer Zeit geschlossen werden.

Klicken Sie hier um auf die Webseite von Jan Douma zu kommen.



Eröffnungsrede von Jan Blaß (Kirchzarten):

 

   Zeichenspuren ·  Simone Rosenow und Jan Douma i. d. Kulturmühle Rechberghausen/1.3.2020

Warum nehmen Menschen diese zweckfreie, oft schmerzhafte und letztendlich kraftzehrende Mühe auf sich, Stoffe auf Holzrahmen aufzuspannen, sie Weiß zu grundieren und dann das Weiß wieder Stück für Stück mit Bildern zu übermalen?

Warum verausgaben sich Menschen damit, Steinblöcke zu brechen und Formen aus diesem harten Material zu schlagen?

Und was kann Menschen dazu bringen, Haare zu sammeln und mit der Nähmaschine auf alte Papiere zu nähen?

Simone Rosenow und Jan Douma sind solche Menschen, die große Anstrengungen auf sich nehmen um - begierig nach Sinneseindrücken und Bildern - Materialsammlungen anzulegen, Zeichen und Spuren auf Leinwänden oder in Steinen zu hinterlassen, Haare aufzufegen und Ausstellungen aufzubauen.
Beide stammen aus weit voneinander liegenden Gegenden Europas,

Simone Rosenow aus dem Spreewald und Jan Douma aus Holland. Beide haben ihre Wege irgendwann nach Freiburg geführt und bei Simone Rosenow lag am Wegesrand die Fachhochschule für Grafik und Design in Hildesheim, wo sie in den 90er Jahren Grafik-Design studierte. Dieses Studium hat sie nicht nur mit einer faszinierenden Diplomarbeit abgeschlossen, in der sie eine eigens dafür entwickelte Schrift und ganzseitige Schriftbilder einsetzte, um das Hohelied Salomos zu interpretieren.

Sie hat auch semesterlang Aktzeichnen belegt, wovon beeindruckende Leporellos mit dichten Folgen von Stellungswechseln zeugen, die hier aber nicht ausgestellt sind. Ich erwähne sie, weil Simone von einer sehr wichtigen Erfahrung erzählt, die sie dabei gemacht hat: irgendwann begann das Modell da vorne sie zu stören.

An dieser Stelle ein kurzer Exkurs zum Aktzeichnen: der leider 2017 verstorbene englische Schriftsteller und Maler John Berger hat grundlegende Texte über das Sehen geschrieben und bereits in den frühen 70er Jahren sehr Erhellendes über die Gattung des Aktbildes: „Nacktheit zu malen ist nicht so einfach, wie es zuerst scheinen mag...Man kann wohl annehmen, dass Nacktheit einen positiven, in sich selbst begründeten, visuellen Wert besitzt: Wir möchten die anderen nackt sehen, die anderen liefern uns ihren Anblick aus und wir nehmen ihn an. Die Nacktheit der anderen dient uns als Bestätigung und ruft ein starkes Gefühl der Erleichterung hervor: Sie ist eine Frau wie jede andere, oder er ist ein Mann wie jeder andere. Wir sind überwältigt von der wunderbaren Einfachheit der uns vertrauten Geschlechtsorgane...In dem Augenblick, in dem Nacktheit zum ersten Mal bewusst wahrgenommen wird, macht sich ein Element der Banalität bemerkbar...Wir brauchen die Banalität, die wir im ersten Moment der Enthüllung finden, weil sie uns in der Realität verankert....“

Ich vermute also mit John Berger und auch aus eigener Erfahrung, dass bei Simone Rosenow während des Aktzeichnens einer der ganz grundlegenden Prozesse der Bewusstwerdung im Rahmen eines Kunststudiums in Gang kam.
Als das Modell begann zu „stören“ (wie sie sagt), wendete sie sich einer neuen Verankerung in der Realität der Bilder zu und suchte nach einer Möglichkeit, die Ausdrucksqualitäten der unterschiedlichen Bewegungsphasen des Modells auf bildimmanente Weise ohne Beobachtung des Körpers umzusetzen.
Dafür wurde ihr in diesem Moment die Kalligraphie zum geeigneten Medium.
Ihre Experimente mit der Dynamik von Schriftzeichen führten in der Folge zu bedeutungsfreien Linienstrukturen, die nicht nur ein erneutes Abtasten von Linien und ihren Qualitäten und damit eine Erweiterung der zeichnerischen Freiheit eröffneten, sondern sie auch neu für die gesamte Bildfläche als visuellem Organismus sensibilisierten.
Überall springen ihr linienhaften Strukturen ins Auge: Risse und Kratzer auf Wänden und Fußböden, zerfleddertes altes Papier, Landkarten voller Nutzerspuren, brüchige Etiketten, alles entfaltet neue Dimensionen von Bedeutung und wird zum Element bildhafter Prozesse.

An dieser Stelle etwa setzt die Ausstellung hier im Haus ein, das mit seiner Mischung aus Rissigem/Altem und Glattem/Neuem den idealen Rahmen bietet und das intensive Zwiegespräch mit den Kunstwerken fördert.
01CollageHaare
Wir sehen oben unter dem Dach Collagen von 2008, die die grafischen Qualitäten von Haaren aufgreifen. Simone Rosenow hat sie mit der Nähmaschine auf Stoff genäht. Immer noch erinnern die Einzelobjekte an Buchseiten. Alte Etiketten formen eine Kopf- oder Fußzeile, unter bzw. über der die Haarbüschel zeilenhafte Tänze vollführen, einen Fächer bilden oder wie auf einem Trampolin durch den Bildraum springen.

02Leporello

Dann folgen 2009 mehrere Leporellos mit jeweils 6 Blättern (6. Galerie), deren grafische Formationen noch entfernt an Schriftzeilen erinnern, aber darüber hinaus Anklänge an Landschaftliches und Vegetatives zeigen. Ein charakteristisches Merkmal ihrer Bilder ist hier bereits zu erkennen: das Weiß des Grundes beherrscht die Bilder, greift um alle aufgetragenen Zeichen herum und wird von diesen in der Tiefe gestaffelt.

oT 4

Das wird besonders deutlich in der Serie großformatiger Leinwandbilder aus dem Jahr 2011. Hier hat sich eine persönliche Arbeitsweise im Umgang mit der neuerlangten Freiheit heraus gebildet. Simone Rosenow grundiert mehrere auf Keilrahmen aufgespannte Leinwände ganz bewusst mit kleinen Pinseln, Strich für Strich - ein meditativer Prozess des zur Ruhe Kommens, der den Bildraum bereits ohne formale Konturierungen abtastet. Dann werden impulsiv Farbflächen, lineare Kritzeleien, gestische Spuren in einem Prozess der inneren Erkundung auf die erste Leinwand gesetzt, bis ein vorläufiger Endpunkt erreicht ist. So geht es bei den anderen Leinwänden weiter, bis der Arbeitsprozess eine erneute Bearbeitung des ersten Bildes fordert usw...

Ab 2011 spielt dann auch das erneute Übermalen einzelner Bereiche des zuvor Gemalten mit Weiß eine immer größer werdende Rolle. Das Schweben der Bildzeichen erinnert mich dabei an das fantastische Lichtspiel ziehender Wolken und Nebel, das der Sonne immer neue Ausleuchtungs-Sensationen ermöglicht und den Blick in die Welt viel aufregender machen kann, als ein glasklarer blauer Tag mit wolkenfreiem Himmel, dadurch, dass Vieles ganz oder halb verborgen ist hinter einem Schleier.

04Nahtzugabe

In den Jahren danach werden diese zuvor angeeigneten Verfahren auch untereinander kombiniert und erneut mit Texten erweitert: in der Serie „Nahtzugabe“ (2016) werden Seiten aus Schulheften vernäht, sodass gezeichnete und genähte Linien wie Tanzkompanie und Solotänzer auf dem Blatt agieren. In der Serie „Aufnaht“ (2018)werden Stoffreste auf Papiere genäht, Satzteile wie „mit dir sein“ oder „Versuch 116“ werden dabei vom Stoff verschleiert oder aber auf den Stoff aufgetragen. Im kleinen Kabinett mit dem Schraubstock hüpft auch „halt aus mein herz“ als weißes Banner über ein rotes Naht-Springseil vor einer roten Fläche, die rote Punkte nach oben sprüht.

TB 2015 3

Und dann der Landkarten-Fund: eine Schule in der Nähe hat ausgemistet und der Sohn der Künstlerin gibt ihr den Tip, dass da was zu finden ist. So kommt sie zu einem größeren Stapel zusammen gerollter Karten, die sie als Bildgrund nutzend erst mal weiß übermalt. Aber nicht gleichmäßig deckend, sondern so lasierend, dass immer noch Teile der Karten, Tabellen und Texte zu sehen sind. Auch hier also die Faszination des halb oder ganz Verborgenen als eigentlicher Ausgangspunkt der nun folgenden Bildfindungen, die Sie im Eingangsbereich sehen können

Jan Dumas Weg aus Holland führte eher auf Umwegen nach Freiburg. Obwohl er schon als Kind gerne und viel gezeichnet und gemalt hat versucht er sich nach dem Ersatzdienst in einer Behinderteneinrichtung des Bürgerkriegs geschüttelten Belfast an einigen Semestern Soziologie, spürt, dass das zu Theorie-lastig ist und steuert eine Ausbildung als Werklehrer an. Merkt aber bald, dass auch die Lehrerperspektive für ihn nicht angemessen ist und gelangt schließlich an die Bildhauerschule in Munzingen bei Freiburg. Hier eignet er sich das Handwerkszeug an, das ihm den 3-dimensionalen Raum eröffnet - und greift doch immer wieder zu Zeichenstift und Pinsel.

Beginnen wir mit der Zweier-Gruppe aus dem Jahr 2019, die auf der Einladungskarte abgebildet ist. Ein Paar voller Gegensätze: der nur halb so große, aber deutlich massigere, mit Keilen gebrochene Granitblock hat eine schräg zugehauene Standfläche, sodass er steht, als lehne er sich an das fast doppelt so hohe, schwarze Eichenholzbrett, das aber ebenfalls schräg gegen den Granitblock gelehnt ist. Der Titel „Leaning“ unterstreicht diesen Eindruck. Die Dreiviertelansicht des Fotos lässt das Brett sehr massig aussehen, zumal seine Oberfläche durch die Verkohlung mit einer Gasflamme so dunkel ist, dass es das Gewicht des Granitblocks mit Leichtigkeit zu stützen scheint. Geht man aber im Raum um die Gruppe herum, spürt man immer deutlicher, wie schlank das Brett und wie fragil sein Stand auf schmaler Kante ist. Es berührt den Granitblock überhaupt nur an einem einzigen vorstehenden Kristall, hauchzart, als sei es aus Balsaholz.

Wer lehnt hier also an wem, die Kraftverhältnisse des Stützens und gestützt Werdens verändern sich offenbar auf paradoxe Weise, je nach Standort und Perspektive des Betrachters und auch, je nach der Position der Plastik in diesem Gebäude. Die Position, die Jan Douma „Leaning“ gegeben hat, ermöglicht auch ein reiches visuelles Spiel mit den unterschiedlichen Stützen im Hintergrund, wenn man über die Rampe herauf kommt.

Das Gemälde von Simone Rosenow aus dem Jahr 2018, vor dem „Leaning“ für Karte und Plakat fotografiert wurde, hat den Titel „sich lösen“ und in den Grauschleiern teilweise verborgen findet man als Fortsetzung den handschriftlichen Text „und alles vergessen, um der Erinnerung Platz zu machen“.

14Ausschnitt Ausschnitt

Die Paradoxie dieser Aussage greift das Rätsel um stützen und gestützt werden mit den Mitteln einer malerischen Reise in die Tiefe unterschiedlicher Farbgesten und Weiß-Übermalungen auf und eröffnet ebenfalls einen bedeutungsvollen Dialog mit dem architektonischen Mühlen-Gestänge daneben. Die liebevolle Restaurierung der alten Mühle hat sicherlich auch eine Geschichte der Entscheidungen im Rucksack, was hier zu erhalten war und was durch Neues ersetzt und ergänzt werden sollte/musste. Womit dann manches Alte vergessen werden kann und eine neue Erzählung über dieses Gebäude begonnen hat.

So nehmen Simone Rosenows und Jan Doumas Arbeiten immer wieder Beziehung zueinander auf und kommentieren außerdem das Ausstellungsgebäude.

Zurück zu den Arbeiten Jan Doumas: Es gibt 3 Objekte von ihm, die ganz aus Holz sind: „Counterparts“ (2019, 3.Galerie) besteht aus zwei hölzernen Gegenspielern, die wie Ober- und Unterkiefer eines Walfisches aufeinanderliegen. Durch das Ineinandergreifen der beiden konvex gewölbten Formen am einen Ende im Kontrast zu den beiden sich zuspitzend auseinander strebenden Wölbungen unter einer flachen Oberseite am anderen Ende kann ein Vorne und ein Hinten entstehen. Die flache Oberseite des oben liegenden Teiles aus glatt poliertem Olivenholz ist dabei so geformt, dass im Holz eine wunderbare Durchdringung von zwei quer zueinander verlaufenden Maserungen sichtbar wird. Als würde eine Kette aus sehr kleinen Wellen über die Oberfläche eines flachen Sees laufen. Dagegen hat das untere Objekt durch die verkohlte Oberfläche, die leicht mit Öl geglättet wurde, eine samtig opake Haut ohne jede Tiefe.

„Coherence“ (2019) im Eingangsbereich ist deutlich erkennbar aus drei separaten Stücken Nußholz zusammen gesetzt, die alle drei als unterschiedlich proportionierte, vertikal gestreckte Kuben mit Stecheisen aus dem Stamm geschnitten sind. Danach aber sind sie mithilfe einer weiteren Nußholzleiste als Feder in der Standfläche miteinander verbunden worden und bilden so in der Summe eine ganz neue Form, die in der Seitenansicht deutlich flacher ist, als die blockhafte Frontansicht vermuten ließe.

08Coherenc

„Sharp-edged Turn“ (2009, 5. Galerie), die „scharfkantige Abbiegung“ ist aus einem sehr alten, rissigen Holzbalken mit quadratischem Querschnitt gemacht, von dem drei Stücke abgeschnitten und neu zusammen gesetzt wurden. Dabei erkennt man den ersten Abschnitt nur an der geringeren Höhe, die eine formale Irritation an diese Stelle setzt. Er scheint mit dem stehenden zweiten verwachsen, ist aber tatsächlich angefügt und so exakt an die rissige Seitenfläche angepasst, dass man ohne den Höhenunterschied gar nicht merken würde, dass es zwei separate Stücke waren. Der dritte Abschnitte ist der längste und er ist nicht als Abschluss einer aufsteigende Reihung vertikal hinzugefügt sondern horizontal gelegt. Dadurch formt er mit dem ersten Abschnitt eine Raumecke mit zwei rechten Winkeln.

09sharp10Connect

Das formale Gegenstück dazu ist „Connect“ (2011, 5.Galerie) aus Granit. Hier bilden zwei Granitblöcke eine Ecke, ohne aber miteinander verbunden zu sein. Der längere Block ist dabei mit dem Spitzeisen, das vertikal aufsteigende, lineare Spuren hinterlassen hat, so bearbeitet, dass ein Absatz entsteht, als seien hier zwei unterschiedlich große Blöcke zusammengefügt. Man erkennt aber bei genauerem Hinsehen, dass dieser eine, größere Block so gemacht ist, als seien es zwei Zusammengefügte. Beide Arbeiten sind wie Teile von Fundamenten auf flache Sockel in die Fußhöhe des Betrachters gestellt.

11unprigtangle

„Upright angel“ (2015, EG) bringt dann beide Themen mit liegendem Holzbalken und stehendem Granitbalken zusammen.
Immer wieder geht es also bei Jan Doumas Plastiken aus Stein, Holz und Beton um den Gegensatz von „tragen“ und „getragen werden“, „verbunden“ und „getrennt“, „innen“ und „außen“ und um Irritationen, die unsere Wahrnehmung sensibilisieren. Die Arbeiten entstehen allerdings nicht in diesem stringenten Aufeinanderfolgen, das meine Besprechung suggeriert. Zwischen den vier letzten Objekten liegen bis zu 10 Jahre, dazwischen wendet sich Jan Douma immer wieder der Malerei zu, entsprechend bilden die Acrylbilder auf Leinwand einen mindestens ebenso großen Anteil in dieser Ausstellung.

12JanSim
Auffallend an den Gemälden Doumas sind die klar abgegrenzten Farbformen, aus denen seine Kompositionen bestehen. Und im Unterschied zu Simone Rosenows Gemälden spielt ein Schweben im Raum kaum eine Rolle. Die Farbflächen sind oft monochrom und opak oder es stehen sich monochrome, opake Flächen und transparente, mehrfarbige Flächen gegenüber wie polare Kraftpotentiale, die Douma auf den immer vollständig übermalten Leinwänden malerisch austariert.

Die Titel sind auch hier englisch formuliert, was möglicherweise damit zusammen hängt, dass Deutsch nicht seine Muttersprache ist. Sicher aber liegt ein Grund darin, dass das Englische die Ambivalenz eines Themas oft besser zum Ausdruck bringt, als das Deutsche. Allerdings haben nicht alle Bilder Titel, weil er nicht immer das Bedürfnis spürt, einen bestimmten Aspekt des Bildes im Titel hervor zu heben.

Nehmen wir als Beispiel „Emerging“ (2016, 5. Galerie), wörtlich übersetzt „entstehend“, oder etwas freier „Geburt“, dann wird spürbar, dass das eine im Deutschen verkrampft wirkt, das andere schon wieder deutlich eingegrenzter ist, als das englische Gerundium. Das Bild gehört zwar gerade zu den Beispielen mit mehr Räumlichkeit oder gar Schweben im Bildraum. Trotzdem sind die drei Bereiche, das leuchtende Rot in der linken Hälfte, das Orange-Rosa im rechten unteren Viertel und der Bereich heller Töne von Gelb und Grün bis zu klarem Weiß durch die scharfen Kanten der Rottöne sehr klar voneinander abgegrenzt. Die Unterschiede der malerischen Tiefe zwischen dem Weiß und dem Rot sind minimal, die Flächen stehen weitgehend in einer Ebene (bei anderen Gemälden, insbesondere den Streifenbildern auf der 2. und 3. Galerie noch deutlicher) und selbst die atmosphärischen, durchscheinenden Valeurs der rechten oberen Ecke entfalten nicht diese Raumtiefe, die bei Simone Rosenows Malereien immer wieder auftaucht.

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Als Drittes kommt bei Jan Douma die Grafik hinzu. Zwei Serien von Holzdrucken sind im obersten Raum der Grafik von Simone Rosenow gegenüber gestellt und durch den Kontrast werden die Eigenarten der beiden Künstler nochmals unterstichen: das Spiel mit der seriellen Stapelung farbiger und schwarz-weißer Abdrucke von horizontal aufs Papier gesetzten Holzleisten ist viel konzeptueller und strenger als Simone Rosenows impulsives Setzen und Nähen von Zeichen. Man erkennt erst beim genaueren Hinschauen, dass die Spuren mit Holzleisten erzeugt wurden und zwischen den Zeilen quellen durch das zufällige Zusammenstoßen dunkler oder gleichfarbiger Stellen Bilder und Zeichen hervor, ohne dass sie bewusst erzeugt worden wären. Bei Simone Rosenow gehört ein ähnliches Hervordrängen von Zufalls-Inhalten zur Methode, aber nicht als Ergebnis eines mehrfach wiederholten Arbeitsganges sondern, wie schon zuvor erwähnt, als assoziativer Überschuss zu den grafischen und malerischen Formfindungen, den sie dann als Wort oder Text ins Bild schreibt.

Simone Rosenow hat übrigens eine sehr anrührende Erklärung für das grafische Arbeiten mit der Nähmaschine: ihre Mutter hat sie in den DDR-Mangeljahren das gerade Nähen mit der Maschine auf Zeitungspapier üben lassen. Damit ist sie ganz nahe beim großen deutschen Surrealisten Max Ernst, der seine Kunst als den Funken Poesie charakterisierte, der beim zufälligen Zusammentreffen eines Regenschirms und einer Nähmaschine entsteht.

Damit zurück zur Ausgangsfrage: warum nehmen die beiden Künstler all die Mühen

auf sich, die zu dieser Ausstellung geführt haben?

Wenn Sie meinem Blick gefolgt sind und sich nach dem Beginn der Ausstellung weiter auf die Arbeiten einlassen oder das Gespräch mit den Künstlern suchen, werden sie immer wieder spüren, wie mit jedem Bild Gefühle, Wünsche, Erlebnisse oder auch Fragen berührt werden, die zu einem umfassenden Kosmos innerer Abenteuer gehören. Diesen Kosmos zu erwandern kann jedem von uns Freiheit, sinnstiftende Erfüllung und einen Funken Poesie schenken.

Jan Blaß 20.02.2020